Ein Designframework und interaktiver Rechner, der fragt, ob die Lebensdauer eines Materials zu seiner tatsächlichen Nutzung passt.
Temporäre Objekte haben eine begrenzte Lebensdauer. Eine Transportverpackung schützt Ware für Tage, ein Veranstaltungsaufsteller steht für Stunden, ein Prototyp dient für einen Entwurfsprozess. Die Funktion ist klar zeitlich eingebunden.
Das Material, aus dem diese Objekte bestehen, oft nicht. Viele Kunststoffe bleiben über Jahrhunderte in der Umwelt erhalten. Das Problem liegt dann nicht allein in der Materialmenge oder darin, ob etwas recycelt werden kann. Es liegt im Verhältnis: zwischen der Zeit, für die ein Objekt gebraucht wird, und der Zeit, für die sein Material bestehen bleibt. Dieser Unterschied hat bisher keinen Namen und kein Werkzeug.
Design for Durational Appropriateness (DfDA) ist ein Designframework, das die zeitliche Angemessenheit von Materialien für temporäre Objekte beschreibbar macht.
Die zentrale Frage lautet nicht „Ist dieses Material nachhaltig?" — sondern: „Passt die Persistenz dieses Materials zur Dauer seiner Nutzung?"
Das Framework baut auf zwei Größen:
Die Zeitspanne, über die ein Objekt seine Funktion tatsächlich erfüllen muss. Sie setzt sich zusammen aus Lagerung, Logistik, Nutzung und einem Sicherheitspuffer.
Wie lange ein Material in natürlicher Umgebung bestehen bleibt, wenn es nicht kontrolliert zurückgeführt wird. Bezugspunkt ist der D90 Wert, also der Zeitpunkt, an dem 90 Prozent des Materials zersetzt sind.
Aus beiden Werten entsteht der Durational Discrepancy Index:
DDI = log₁₀(MP D90 / RFD)
Der Logarithmus übersetzt das Verhältnis in eine Größenordnung, die intuitiv lesbar ist: unter 1 ist zeitlich angemessen, 1 bis 2 ist diskussionswürdig, über 2 ist ein Red Flag.
Myzel ist dabei nicht die einzige Antwort — aber eine der wenigen Materialfamilien, bei der RFD und MP tatsächlich zusammenpassen können.
Ein Framework, das nur im Theorieteil einer Thesis existiert, verändert nichts.
Die Frage war: Wie macht man einen abstrakten Index benutzbar Designerinnen und Designer?
Der DDI-Rechner unter dfda.reeze.one ist die Antwort. Er macht das Framework zugänglich, interaktiv und ehrlich.
Die Designentscheidungen, welche den DfDA Calculator für Designer und Designerinnen nutzbar macht.
Der Rechner führt in fünf Schritten durch die Berechnung. Designer und Designerinnen benennen zuerst das Produkt, dann die Funktionsdauer, dann das Material und erst danach erscheint der DDI. Wer die Formel nicht kennt, versteht trotzdem, was sie gerade berechnet hat.
Materialdaten werden unterschiedlich angegeben: als Halbwertszeit, als D80, D90, D95 oder als „vollständig abgebaut". Desweiteren sind die Werte in den meisten Fällen nicht exakt und empirisch bewiesen. Der Rechner rechnet alle Angaben auf einen D90-Bezugspunkt um und zeigt statt einer einzelnen Zahl ein standardisiertes Unsicherheitsband (D80–D95). Das macht sichtbar, wie belastbar die Grundlage ist, anstatt eine Genauigkeit zu behaupten, die die Daten nicht hergeben.
Ein hoher DDI ist nicht automatisch ein Fehler. Deshalb endet der Rechner nicht mit einer Zahl, sondern mit zwei Qualifizierungsfragen: Bleibt das Material in einem realistisch funktionierenden Kreislauf (System-Fit)? Und ist die Langlebigkeit aus Sicherheitsgründen notwendig (Safety)? Erst diese beiden Fragen machen die Einordnung vollständig.
Nutzerinnen können eigene Materialwerte eingeben und lokal speichern. So funktioniert das Tool auch mit internen oder nicht veröffentlichten Materialdaten.
Wer einen Materialwert kennt, der fehlt, kann ihn direkt im Tool vorschlagen. Die Datenbank wächst durch Nutzung.
Entstanden sind ein konzeptuelles Framework für zeitliche Materialangemessenheit, ein formalisierter Index (DDI) als messbares Kriterium und ein live zugängliches Tool, das beides für den Designprozess nutzbar macht. Das Tool ist keine Designentscheidung. Es ist ein Werkzeug, das eine Frage stellt, die im Designprozess bisher nicht gestellt wurde.
Hier gehts zu Framework.
DfDA ist Teil des Gesamtprojekts "Coded Nature", entstanden als MA-Thesis an der Hochschule Anhalt. Der Teilband und das Projekt "Coded Nature: Mycoforge" fragt, welche Maschine nötig ist, damit ein in der Materialpersistenz angemessenes Material für temporäre Objekte wie Myzel tatsächlich praktisch nutzbar wird.